"my guests" 

In der Arbeit «my guests» bespielt Elian Zinner das Ufer des Klöntalersee mit grossen Baumfiguren, welche jede ein Individuum darstellt. Diese Skulpturen wurden aus Bäumen, Ästen und menschlichen Gegenständen geschaffen. Die Künstlerin sammelte und wählte die Äste gezielt für jedes Individuum aus. Der Ort – Klöntalersee im Kanton Glarus – wurde von der Künstlerin wegen dessen mystischer Atmosphäre und Intensität gewählt. 

 

Die einzigartigen Skulpturen wurden von der Künstlerin sorgfältig modelliert. Dabei sind viele Teile des Baumes roh belassen worden. Das Ergebnis ist eine hybride Skulptur mit handgefertigtem Charakter. Die Figuren sehen vertraut aus. Sie sind faszinierend und unheimlich zugleich. Sie erinnern uns an magische Kreaturen und an surreale Geschichten, wie wir sie in Märchen lesen. 

 

«Wer sind die Gäste?», fragt sich die Künstlerin in der Arbeit «my guests». Die Bäume in dieser Arbeit wurden vom Wind umgestossen oder vom Menschen herausgerissen. Sie stehen entwurzelt und kopfüber im Raum und werden mit Stoff umhüllt. Durch diese Geste stellt die Künstlerin Frage wie: «Wann ist der Baum am Ende seines Lebens? Kann der Baum durch diese Geste ein neues Leben bekommen? Wer ist der Gast? Wer ist der Bewohner?»

 

Durch minimale Interventionen mit unterschiedlichen Textilien verändert sich das Baumkonstrukt in eine menschenähnliche Gestalt. Sie rufen archetypische Figuren in uns hervor und werden dadurch zu Helden und Heldinnen, zu Hexen, Dämonen, Wissenden, Liebenden oder Gottheiten. Wir beginnen, uns unsere Geschichten zu bauen. «my guests» spiegeln letztendlich menschliche Gedanken. Diese Gedanken konzentrieren sich in der Intensität der Landschaft.

Das Gasthaus ist ein Gedicht des persischen Sufi-Mystikers Rumi aus dem 13. Jahrhundert.

Rumi – Das Gasthaus

Das menschliche Dasein ist ein Gasthaus.
Jeden Morgen ein neuer Gast.
Freude, Depression und Niedertracht –
auch ein kurzer Moment von Achtsamkeit 
kommt als unverhoffter Besucher.

Begrüße und bewirte sie alle!
Selbst wenn es eine Schar von Sorgen ist
die gewaltsam Dein Haus
seiner Möbel entledigt.
Selbst dann behandle jeden Gast ehrenvoll
vielleicht reinigt er Dich ja
für neue Wonnen.

 

Dem dunklen Gedanken, der Scham, der Bosheit –
begegne ihnen lachend an der Tür
und lade sie zu dir ein.

Sei dankbar für jeden, der kommt,
denn alle sind zu Deiner Führung geschickt worden
aus einer anderen Welt.

2021